Das Fachmagazin OFFICE ROXX hat Peter Ippolito 50 Fragen gestellt: von sehr fachlich bis sehr persönlich.
Leben findet zwischen den Dingen statt
OFFICE ROXX: 50 Fragen an Peter Ippolito

Das Fachmagazin OFFICE ROXX hat Peter Ippolito 50 Fragen gestellt: von sehr fachlich bis sehr persönlich.
1. Bitte beschreiben Sie Ihren Arbeitsplatz.
Für meine Zeit in Stuttgart ein Schreibtisch im Open Space, ansonsten mein Telefon und Notebook unterwegs.
2. Wie kommen Sie zur Arbeit?
Mit dem Auto.
3. Wo arbeiten Sie am liebsten?
Mit Menschen.
4. Wie viele Videocalls haben Sie pro Woche und wie viel Zeit verbringen Sie mit diesen?
Ich versuche vor allem Präsenz-Gespräche zu führen. Etwa 20%.
5. Wie viele Stunden verbringen Sie im Schnitt pro Woche in Social-Media-Kanälen?
Sieben Stunden.
6. Wie viele Stunden arbeiten Sie im Schnitt pro Woche?
60 Stunden.

7. Wie kommen Sie auf neue Ideen – was inspiriert Sie?
Reisen, Kunst, und vor allem das Privileg, ständig neue Menschen und ihre Ideen auf der ganzen Welt kennen lernen zu dürfen.
8. Ihre drei Lieblingsprojekte der Ippolito Fleitz Group?
Habe ich nicht. Ich denke ganz grundsätzlich nicht in Rankings. Es gibt aber sicher Projekte, die uns und unser Selbstverständnis verändert haben: der „Palace of International Forums“ in Taschkent, die Spiegel-Kantine und Beiersdorf Global Workspace.
9. Diese drei Office-Projekte von anderen Interior-Designern sind auch nicht zu verachten:
„Second Home in L.A.“ von Selgascano
„Bloomberg London“ von Foster
„Nike One Central HQ“ von Kinzo
Das wir in Publikationen fast nur noch informelle Arbeitsmöglichkeiten sehen, erzählt mehr von der Sehnsucht einer Gesellschaft als von der gelebten Realität.
10. Wie ist die Ippolito Fleitz Group durch die Krisen seit 2020 gekommen? Was war und ist ggf. besonders herausfordernd?
Während wir Pandemie als Ausnahmezustand eher beflügelnd wahrgenommen haben, sind die Jahre danach mit Zahlungsausfällen, Insolvenzen und verhaltenen, aber sehr volatilen Märkten durchaus fordernd. Wir haben jedoch seit jeher den Vorteil, nicht nur aus inhaltlichen Gründen auf vielen Füßen zustehen. Ist ein Bereich, eine Region oder eine Disziplin gerade schwierig, können andere Bereiche das eher kompensieren. Das, gepaart mit einer grundsätzlich optimistischen und agilen Grunddisposition, kam uns in den letzten Jahren durchaus entgegen. Wir finden den Ausgleich durch neue internationale Märkte oder der Erweiterung unserer Scope of Services. Weltweit sehen wir aber die Honorare momentan unter starkem Druck, was die Frage nach effizienzbeschleunigenden Werkzeugen wie KI aber auch die Möglichkeit zu strategischem Outsourcing beschleunigt.
11. Seit einigen Jahren scheinen Büro- und Wohnmöbelsegment miteinander zu verschmelzen. Wird im Office am Ende nur noch auf Sofas und Sesseln gearbeitet?
Das wir in Publikationen fast nur noch informelle Arbeitsmöglichkeiten sehen, erzählt mehr von der Sehnsucht einer Gesellschaft als von der gelebten Realität. Beides hat seinen Sinn im Miteinander, nicht im gegenseitigen Ausspielen. Wie der richtige Mix aussieht, ergibt sich aus der Kultur, Organisation und Vision eines Unternehmens.
12. Wie war Ihr Eindruck von der Büroeinrichtungsmesse Orgatec 2024?
Schön zu sehen, dass die Messe wieder mehr Atem hatte nach der kleineren Post-Covid-Version zuvor. Mehr Optimismus, mehr Energie.
13. Auch in Deutschland zeichnen sich stellenweise Büroflächenrückgänge und neue Kernaufgaben für das Corporate Office ab. Wie sehen Sie das?
Das Büro ist idealerweise der Ort, an dem ich Kultur, Identität, Sinnhaftigkeit und Vision des Unternehmens im Alltag authentisch erfahre. Ein Ort der Zugehörigkeit, der Wertschätzung und all der Momente, die sich virtuell kaum erleben lassen: Begegnung, Kollaboration, agile Dynamik – gerade auch die zufällige –, der gemeinsamen Energie, des sich gegenseitig Spürens und Inspirierens. Ein Ort, eher eine Idee, die deutlich größer ist, als eine Ansammlung von Schreibtischen.
14. Wo sind eigentlich die Schreibtische geblieben? Wenn moderne Büroprojekte vorgestellt werden, hat das manchmal was von Showrooms oder Flagshipstores. Aber wo kann die gewöhnliche Bildschirmarbeit gemacht werden?
Wie zuvor beantwortet sind Tische natürlich weiterhin ein selbstverständlicher Teil der Arbeitswelt. Aber sie sind vielleicht nicht mehr das ausschließliche Zentrum, da sich Arbeit massiv weiterentwickelt. Wenn Innovation in der Wissensarbeit sich primär aus Kollaboration und Kommunikation speist, ergeben sich erweiterte Orte der Arbeit. Fand früher Arbeit in einem statischen Raum statt, folgt heute der Raum den sich stetig verändernden Anforderungen der Arbeit. Im gerade beginnenden nächsten Wandlungsprozess, der Arbeit durch KI, wird diese Entwicklung weiter beschleunigt.
No-Gos sind immer dumm.
15. Das Einzelbüro ist so etwas wie der alte weiße Mann der Büroformen geworden. Für manche Architekten ist seine Existenz ein No-Go. Umfragen ergeben jedoch noch immer, dass Office-Worker am liebsten dort arbeiten würden. Wie lässt sich dieser Konflikt lösen?
No-Gos sind immer dumm. Die Wahrheit liegt meistens dazwischen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Präferenzen von Mitarbeitenden von Gewohnheiten und – menschlicherweise – auch oft von Bedenken gegenüber Veränderung geprägt sind. In erfolgreichen Arbeitswelten gibt es keine vorgefestigten Meinungen, sondern nur einen hoffentlich guten und aufrichtig geführten Transformationsprozess. Der Prozess ist oft wichtiger als das eigentliche Ergebnis. In Anlehnung an Bill Clinton: It‘s the people, stupid!
16. Oder sind Cubes die neuen Einzelbüros? Es gab auf der Orgatec eine Halle, die bestand fast nur aus sog. Telefonzellen. Ist das die Zukunft der Büroarbeit? Cubicles – nur oben geschlossen?
Natürlich brauchen offene Strukturen auch Rückzugsbereiche. Wenn das im Ergebnis dazu führt, dass Mitarbeitende den ganzen Tag in einer Serverschrank-großen Telefonzelle verbringen, ist das Projekt gescheitert. Die Diskussion ist aber so auch zu verkürzt. Der Unterschied zum gebauten Zellenbüro ist ja nicht die neue Form, sondern vor allem, dass sie leicht veränderbar ist. Unschätzbar in Zeiten, in denen sich alles ständig verändert. Genauso wie die Tatsache, dass Arbeit sich nicht mehr nur statisch um den eigenen Tisch dreht.
17. Wohin könnte sich das tradierte Rollenbild des Architekten entwickeln?
In einem erweiterten Rollenverständnis werden Architekten wahrscheinlich eher zu Design-Strategen, die kreative Vision mit technologischer, soziologischer und datengestützter Expertise verbinden.
18. Zu den größten Fehlern der Interior-Designer gehört, …
In Deutschland sicherlich oft mangelndes Selbstbewusstsein zu ihrer Rolle und dem Wert ihrer Arbeit für das Leben von Menschen.
19. Wie bunt darf es sein im Büro?
Gestaltung ergibt sich immer aus der Identität und einem relevanten Konzept. Alles geht, wenn es Relevanz erzeugt.
20. Wie stellen Sie sich Büros im Jahre 2040 vor?
Hoffentlich deutlich anders als heute. In einem positiven Szenario fließend, hybrid, adaptiv und die Grenze zwischen Leben und Arbeit auflösend. Intelligent und responsiv mit unsichtbarer, nutzerzentrierter Technologie. Ein Möglichkeitsraum, der dem Nutzenden einerseits durch eine strake Haltung Reibungsflächen und gleichzeitig die Freiheit gibt, sich und seine Tätigkeit so zu entfalten, wie es ihm sinnvoll erscheint.
Leben findet zwischen den Dingen statt.
21. Was Sie schon immer einmal zur Entwicklung des Interior-Designs sagen wollten:
Oh mei, darüber könnte man jetzt viel Schreiben. Vielleicht hier der Hinweis, dass aus unserer Sicht gute Gestaltung im Raum zwar Dinge gestaltet, das Ziel jedoch nicht die Gestaltung der Dinge ist, sondern die Qualität dessen, was dazwischen passiert. Denn Leben findet zwischen den Dingen statt.
22. Wie wird KI die Architekturbranche verändern?
Grundlegend. Wie jede andere Branche auch. Der Fokus wird deutlich weg von der Produktion und Durcharbeitung hin zu Konzeption, Strategie, übergreifende Vernetzung und dem Steuern komplexer Technologie- und Wissenszusammenhänge gehen. Damit verändert sich das Berufsbild, aber auch die Anzahl der dafür benötigten Kräfte, gerade im klassischen Mittelbau. Spannend, aber gesellschaftlich extrem herausfordernd. Gleichzeitig ergeben sich über das Werkzeug auch neue Chancen in der Architektur selbst.
23. Wie stehen Sie zum Thema ökologische Nachhaltigkeit?
Ist eine Selbstverständlichkeit.
24. Was halten Sie von New Work?
Der Begriff ist aus meiner Sicht falsch gewählt. Arbeit ist immer neu, da sie sich ständig weiterentwickelt. Damit ändern sich auch die Antworten und Kontexte, die wir gestalten. Das macht es ja so spannend. Gerade jetzt, in einer Phase rasanter Veränderungsprozesse in fast allen Bereichen unseres Lebens.
25. Der Gen Z rate ich, …
Mit Zuversicht und aller Energie ihren eignen Weg zu finden. Auf niemanden und nichts zu warten. Es wird dir nichts geschenkt, aber du kannst alles erreichen. Vor allem: unabhängig von meinem Rat.
Love it!
26. Woran arbeiten Sie gerade?
An mir und sehr vielen, sehr diversen Projekten in diversen Typologien für diverse Kundengruppen und in diversen Maßstäben mit sehr diversen kulturellen Hintergründen. Love it!

27. Ihr größter beruflicher Erfolg?
Die Aufnahme in die Interior Design Hall of Fame in NYC.
28. Der größte Misserfolg?
Arbeiten/Leben ist Lernen. Daher denken wir eher nicht in Kategorien von Misserfolg. Natürlich verliert man Wettbewerbe oder ein Projekt hat nicht die gewünschte Wirkung. Das gehört aber zum Beruf. Relevanter sind gescheiterte Beziehung zu Menschen. Ob zu Kollegen oder Kunden.
29. Insta oder LinkedIn oder …?
Beides.
30. Lesen Sie noch Gedrucktes?
Natürlich, ich liebe Bücher!
31. Was würden Sie als „König von Deutschland“ zuerst ändern?
Bürokratie, Regulierungswahn und digitale Transformation.
32. Was würden Sie gern können?
Singen.
33. Wo würden Sie am liebsten leben?
Unterwegs.

34. Wobei können Sie gut entspannen?
Kochen und Wandern.
35. Ihr ursprünglicher Berufswunsch?
Bundeskanzler.
36. Ihre Hauptcharaktereigenschaften?
Direkt, neugierig, mutig, lösungsorientiert.
37. Ihre Superkraft?
Meine Energie.
Da will ich nicht hin!
38. Ihre Hobbys oder Leidenschaften?
Kochen und Essen.
39. Ihre drei Dinge für die einsame Insel?
Da will ich nicht hin! Daher: mein Mann, Telefon, Freunde.
40. Ihr/e Lieblingskünstler/in?
Alle „Lieblings“-Fragen sind an mir verloren. Ich denke so einfach nicht. Der Moment ist immer so viel spannender als die Sehnsucht nach Helden. Gerade habe ich einen außergewöhnlichen japanischen Fotografen entdeckt: Daisuke Yokata.
41. Ihr Lieblingsbuch?
Viele. Ein paar der erinnerungswürdigen Lieblinge: „Orlando“ von Virginia Woolf, „Atemschaukel“ von Herta Müller, „Der Meister und Margarita“ von Bulgakow, „American Pastoral“ von Philip Roth, „Mister Aufziehvogel“ von Murakami.
42. Ihr Lieblingsgericht?
Habe ich nicht. Aber Gerichte, die mich auf eine Entdeckungsreise schicken, berühren mich. Oder auch einfach zurück an die Wurzeln.
43. Ihr Lieblingsgetränk?
Champagner.
44. Ihre Lieblingsweisheit?
The master in the art of living makes little distinction between his work and his play, his labor and his leisure, his mind and his body, his education and his recreation, his love and his religion. He hardly knows which is which. He simply pursues his vision of excellence at whatever he does, leaving others to decide whether working or playing. To him, he is always doing both.
45. Haben Sie ein Lebensmotto?
Einfach machen.
46. E-Auto oder Verbrenner, E-Bike oder …?
E-Bike, Hybrid-Auto.
47. Für welchen Sportverein jubeln Sie?
Keinen.
48. Zu welcher Band gehen Sie ins Konzert?
Ich war gerade bei Kraftwerk und freue mich auf Ca7riel und Paco Amoroso.
49. Strand oder Berge?
Strand.
50. Und Ihre Uhr: analog oder digital?
Gar keine.