Die Zeitschrift H.O.M.E. gibt einen CityGuide heraus und wollte dafür von Tilla Goldberg u.a. wissen, was die Stadt Stuttgart für sie bedeutet und ob es Frauen im Produktdesign schwerer haben.

H.O.M.E.T.O.W.N. Stuttgart

H.O.M.E. | 2019-01

Sie haben an der Kunstakademie Stuttgart Produktdesign studiert und sind nach Stationen in London, Tokio, New York und Köln wieder zurückgekehrt. Was hat die Stadt Designern zu bieten?

TG: Stuttgart ist aus ganz persönlichen Gründen vor 10 Jahren zu meiner Wahlheimat geworden. Meine besten Freunde, mein Liebster, alle waren in Stuttgart, ich war in Köln. Und dann habe ich angefangen, mit Peter Ippolito und Gunter Fleitz zusammenzuarbeiten, und das hat meiner Arbeit viele neue faszinierende Türen geöffnet! Für mich ist Stuttgart eine wunderbare private Basis, mit hoher Lebensqualität, unser Büro der beste Ort, um einzigartige Ideen zu entwickeln und in die Realität umzusetzen. In New York, London und Tokio hatte ich immer das Gefühl, permanent auf der Jagd sein zu müssen, um keine der vielen Inspirationen/Einflüsse/Entdeckungen zu verpassen. Großartig natürlich, aber das raubt auf Dauer viel Konzentration für die eigene Arbeit.

Die Gestalterszene hier hat eine großartige Qualität in verschiedensten Disziplinen. Das ist vielleicht immer noch nicht sichtbar genug von außen.

TG: Das Schöne in Stuttgart ist auch die hohe Dichte an tollen Gestaltern in direkter Nachbarschaft. Die Gestalterszene hier hat eine großartige Qualität in verschiedensten Disziplinen. Das ist vielleicht immer noch nicht sichtbar genug von außen. Bekannte Büros für Architektur, Grafik, Ausstellungsdesign, interaktive Medien, Film, Fotografie, .... und was das Wichtigste ist: interessante und mutige Kunden, die immer hungrig nach neuen Ideen sind, und schon so manchem kleinen Design-Startup zum ersten großen Auftrag verholfen haben. Und das alles auf kleinem Raum: man trifft die interessanten Leute aus Versehen nachts auf dem Nachhauseweg. Um dann euphorisch gemeinsame Ideen zu spinnen. Aus denen auch tatsächlich etwas wird. Das ist das Tolle an Süddeutschland: Die Leute schmieden nicht nur verbal kühne Pläne, sondern bleiben dran, machen Träume tatsächlich wahr!

Frauen sind im Produktdesign noch immer unterrepräsentiert. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür?

TG: Interessant finde ich in diesem Kontext die Frage, wie man Produktdesign betrachtet. Im klassischen Produktdesign (Consumer Goods, Transportation Design, Industrial Design) ist das zahlenmäßig der Fall. Wenn man die Perspektive weiter aufmacht, ändert sich das Bild: Das Großartige am Produktdesign ist für mich, dass man damit ALLES machen kann. Das Feld, in dem ich mich momentan bewege (Interior, Corporate Architecture, Kommunikation im Raum, Möbel, Licht, Styling, Materialien ...), sieht es schon ganz anders aus. Hier stammen die aktuell spannendsten Projekte und Entwicklungen sehr oft aus weiblicher Feder. Zum Beispiel die Arbeiten von Patricia Urquiola, India Mahdavi, Studio Pepe, Faye Toogood, Inga Sempé, Sabine Marcelis, Victoria Wilmotte, Cecilie Manz, Nina Mair, ...
Interior Design studieren deutlich mehr Frauen als Männer, in unseren drei Büros in Stuttgart, Berlin und Shanghai arbeiten gleichviele Frauen und Männer. Und dass die Führungsetagen dieser Welt eher von Männern als von Frauen dominiert sind, ist ja ein allgemeingesellschaftliches, kein designspezifisches Thema. Aber keine Sorge, wir arbeiten daran ;-)

Wenn man unbedingt ein Gestaltungsprinzip bei uns finden möchte, dann ist das am ehesten das Mittel der Collage.

Welches Ihrer Projekte bringt die Gestaltungsprinzipien der Ifgroup am besten auf den Punkt?

TG: Wir denken nicht in Stilen. Wenn man unbedingt ein Gestaltungsprinzip bei uns finden möchte, dann ist das am ehesten das Mittel der Collage – wir verbinden Ideen und Bilder, Atmosphären und Gefühle, um Situationen zu schaffen, die manchmal mehrdeutig, manchmal ganz direkt sind. Von Projekt zu Projekt kann unsere Arbeit minimalistisch, eklektisch oder sogar unbändig sein. Wir lieben es, neue Kulturen auszuloten und neue Perspektiven zu gewinnen. Neugierde steht im Mittelpunkt dessen, wofür unser Studio steht. Alles, was wir machen, ist Kommunikation: Es geht darum, eine Geschichte auf eine Weise zu erzählen, die für die Menschen relevant ist. Diese Geschichte kann sich ändern, da jeder einen anderen Hintergrund hat. Unsere Projekte entstehen immer im Kontext: die Bedürfnisse des Kunden, der Standort die Marke, machen jedes Projekt einzigartig.
Das hervorstechendste Projekt bisher ist sicher der Palace of International Forums, den wir in Usbekistan gebaut haben. Der Auftrag klang eher nach Fiktion als nach Wirklichkeit: In nur sechs Monaten das bedeutendste repräsentative Gebäude des Landes mit einer Innenfläche von fast 40.000 m² zu entwerfen und zu bauen – und das in einem Land, in das wir noch nie einen Fuß gesetzt hatten. Die Aufgabe war es, die überaus reiche historische Baukultur Usbekistans in eine zeitgenössische, aber eigenständige und lokale Sprache zu übersetzen. Dies natürlich mit höchstem repräsentativem Anspruch an Aussage und Materialität. Kurz gesagt: Wir haben das Projekt mit fast 5000 Beteiligten, darunter etwa 1600 deutschen Handwerkern, fertiggestellt. Ein wunderbares Abenteuer! Und eines dieser Projekte, in dem man mit den unglaublichsten Menschen zusammenarbeitet, großartigen Handwerkern, die Materialtechniken beherrschen, von denen man nur träumen kann.
In all unseren Projekten spielt die Materialität eine zentrale Rolle. Wir haben gerade einen neuen Raum für unsere Materialbibliothek gebaut – eine unendliche Wunderkammer aus Handmustern unterschiedlichster Materialien und Techniken, Prototypen und Muster. Das ist Inspiration und tägliches Werkzeug vom Feinsten zugleich.

Das Großartige am Produktdesign ist für mich, dass man damit ALLES machen kann.

Parallel zu den Sonderentwicklungen, die wir für die Interior-Projekte machen, werden wir in den nächsten Jahren verstärkt auch Serienmöbel, Leuchten oder Accessoires entwickeln, die dann für ein breiteres Publikum erreichbar sind. Dieses Jahr auf der Mailänder Möbelmesse gelauncht wurden z.B. der Aërias Chair und der Lounge Chair, die wir für die großartige Kollektion von ClassiCon aus München entworfen haben. Aërias ist ein Wandler zwischen verschiedenen Welten: uraltes traditionelles Flechtwerk, umgesetzt in elegantem Leder aus der Haute Couture, trifft auf High-Tech-Holzrahmen. Ein Identity Object mit formaler Prägnanz und unverwechselbarer Persönlichkeit. Parallel arbeiten wir an zwei spannenden Projekten, um wieder mehr Pflanzen in unsere Lebensräume zu integrieren. Und an einer Teppichkollektion.

Auf welche Auszeichnungen sind Sie besonders stolz?

TG: Mit meinem Diplom, einem solarbetriebenen Fährschiff für den Bodensee, habe ich damals den „Lucky Strike Junior Design Award“ gewonnen. Das war ein dicker Push fürs Ego, hat viele Veröffentlichungen gebracht und Türen geöffnet. Eine weiterer großer Schub war mein erstes Projekt in Kooperation mit der damals noch kleinen Ippolito Fleitz Group: die Kantine für den Spiegel-Verlag in Hamburg, der Nachfolger der legendären Kantine von Verner Panton. Wir haben mit unserem Entwurf den hochkarätig besetzten internationalen Wettbewerb gewonnen und – was viel wichtiger war – die Mitarbeiter des Verlages überzeugt, die alle mit stimmberechtigt waren. Später hat das Projekt viele Auszeichnungen gewonnen. Mittlerweile sind unsere Arbeiten mit über 280 Designpreisen ausgezeichnet, darauf sind wir natürlich auch stolz.

Tilla Goldbergy by Monica Menez
Solar Shuttle
PARA VERT for Brunner
Aërias chair and armchair for ClassiCon
Palace of International Forums »Uzbekistan«
Table, light & ceiling for DER SPIEGEL