Peter Ippolito im Gespräch mit der SPIEGEL-Kulturredaktion zur Gestaltung der neuen Kantine und das Erbe von Verner Panton.

Wir wollten einen Raum, in dem die Kommunikation das wichtigste ist.

Der SPIEGEL im Herbst 2011

SPIEGEL: Herr Ippolito, Sie haben die SPIEGEL-Kantine entworfen und hatten sich schon in Ihrem Entwurf ganz dagegen entschieden, Teile der berühmten früheren Kantine, die der Designer Verner Panton entworfen hatte, zu übernehmen. Warum? Mögen Sie Panton nicht?
IPPOLITO: Im Gegenteil, mir und meinen Kollegen, die am Entwurf für die neue SPIEGEL-Kantine gearbeitet haben, gefällt Panton natürlich sehr gut, vor allem die Ganzheitlichkeit und Intensität seiner Gestaltung. Der Hauptgrund, warum wir Panton nicht integriert haben, ist ganz einfach: Der Raum, den wir für unseren Entwurf vorgefunden haben, lässt es einfach nicht zu. Wir haben im neuen Gebäude eine völlig andere Situation. Das System von Panton basiert auf einem orthogonalen System. Der Raum im neuen SPIEGEL-Gebäude aber ist polygonal – vieleckig, mit teilweise spitzen Winkeln. Und er ist eben sehr groß und sehr horizontal in seiner Wirkung. Hätten wir Pantons Entwurf mitgenommen, wäre es nie ein natürlicher, für diesen Raum geplanter Einbau gewesen. Wir hätten das Panton-System vergewaltigen müssen, um es passend zu machen. Und das wollten wir nicht. Nach dem Feststellen dieser Grundsituation fanden wir aber auch, dass es dem SPIEGEL gut ansteht, mit dem wichtigen Schritt des Umzugs in ein neues Gebäude seine bauliche Geschichte ebenso selbstbewusst weiter zu schreiben, wie dies eben Ende der 1960er- Jahre mit dem alten Gebäude und der Gestaltung von Verner Panton geschah.

Hätten wir Pantons Entwurf mitgenommen, wäre es nie ein natürlicher, für diesen Raum geplanter Einbau gewesen.

SPIEGEL: Panton hat 1969 einen extremen Entwurf gewagt. Auch Ihr Entwurf für die neue Kantine ist nicht gerade zurückhaltend. Extreme Entwürfe sind immer eindrucksvoll und immer umstritten. Gutes Design kann auch zurückhaltend sein. Warum haben auch Sie sich für eine so auffällige Variante entschieden?
IPPOLITO: Die Panton-Kantine wurde nicht immer geliebt, das weiß ich. Es war wohl im Laufe der Jahrzehnte, in denen die SPIEGEL-Mitarbeiter sie genutzt haben, ein Wechselbad der Gefühle. Aber gerade in den vergangenen Jahren haben die Mitarbeiter den Panton-Entwurf doch sehr gemocht, und daran kann man, glaube ich, etwas Grundsätzliches erkennen: Aneignung, und wir sprechen ja hier über einen der emotionalsten Bereiche des SPIEGELS, entsteht am intensivsten über Reibung an Haltungen. Und aus Reibung, wenn man so will, entsteht Liebe. Kunden, die jahrelang mit ihrem Architekten über jede Ecke ihres Traumhauses diskutieren, sind am Ende mit hoher Wahrscheinlichkeit eher unglücklich, weil diese Suche nach dem Idealen in der Regel bloß ein Verwursten von gesehenen Bildern ist und sie damit das Beste verpassen, das einem dieser Prozess schenken kann: unverwechselbare, überraschende, individuelle Gestaltung. Architektur mit starker Haltung provoziert starke Emotionen. Die Rezeptionsgeschichte der Innenraumgestaltung des alten SPIEGEL-Gebäudes durch Verner Panton zeigt das ja sehr schön. Die Ausgangsfrage war also für uns: Welche Haltung ist heute für den SPIEGEL passend? Und wie transportieren wir die Energie des Pantonentwurfs ins Hier und Heute, ohne eine schwache Kopie abzubilden? Pantons mutige Architektur ist zum Identifikationspunkt des alten SPIEGEL-Gebäudes geworden. Das ist natürlich ideal, und wir würden uns sehr freuen, wenn die neue Kantine irgendwann einen ähnlichen Stellenwert bei den Mitarbeitern hat.

SPIEGEL: Die Kantine soll passen zum SPIEGEL. Wie haben Sie sich in der Entwurfsphase mit dem SPIEGEL, dieser speziellen Marke, auseinandergesetzt?
IPPOLITO: Wir nehmen den SPIEGEL als exponiert, mutig und offen wahr. Ich glaube, unser Entwurf für die Kantine entspricht dieser Wahrnehmung. Der Ort, an dem das neue SPIEGEL-Gebäude steht, ist ja sehr exponiert: die Spitze der Hafencity. Und die neue Kantine ist zwar ein interner Ort, aber trotzdem gut einsehbar. Das hat uns als Haltung gut gefallen, und wir haben diese Haltung für unseren Entwurf übernommen. Die Kantine sagt: Seht her, wir trauen uns etwas. Neben der Offenheit war uns ein zweites Thema wichtig: einen Raum zu schaffen für diese besondere Gesprächskultur, die sich im SPIEGEL, vielleicht auch durch die Panton-Kantine, entwickelt hat. Diese Gesprächskultur hat uns extrem beeindruckt. Zu sehen, dass es hier nicht nur darum geht, eine Kantine zu schaffen, also einen Ort, wo jemand etwas zu essen kriegt, sondern dass es eigentlich ein ganz tief verwurzeltes Stück Zeit im Tagesablauf eines SPIEGEL-Mitarbeiters ist, in dem inhaltlich viel passiert. Und dann gibt es noch einen dritten Aspekt, der bildhafte Name: Spiegel. Natürlich kann man so ein Bild nicht direkt übernehmen, das wäre ja schrecklich, aber wir haben trotzdem nach einer Übersetzung gesucht.

Die Kantine sagt: Seht her, wir trauen uns etwas.

SPIEGEL: Die Decke mit den Tellern. Lauter kleine Spiegel.
IPPOLITO: Ja, 4203 kleine Spiegel. Wir haben uns sehr viel Gedanken über die Decke gemacht. Die Decke ist das zentrale identitätsgebende Element in diesem Raum. Die Aluminiumteller reflektieren das Licht, das in den Raum kommt. Aber uns war wichtig, dass es eine sanfte Reflexion ist, es soll ja niemand geblendet werden. Deswegen sind die Teller matt. Wir hoffen, dass wir mit der Decke ein schönes, eigenständiges Bild gefunden haben. Die schillernde Decke nimmt ja nicht nur auf das Thema Spiegel Bezug, sondern auch auf das Thema Wasser, das bei der Lage des Hauses auch eine große Bedeutung hat. Wir wollen kleine Lichtspiele im Raum, eine fließende, etwas flirrende Atmosphäre.

SPIEGEL: Sie haben mit einem weißen Terrazzo-Boden und der reflektierenden Decke einen sehr hellen Raum geschaffen. Auch das ist ein Unterschied zur alten Kantine, die eher dunkel war und warm wirkte. Haben Sie Sorge, dass Ihr Raum zu kalt wirkt?
IPPOLITO: Panton hat von der Typologie her tatsächlich eine Höhle geschaffen. Der neue Raum ist aber viel größer, er ist durchflutet von Licht und das wollen wir auch nutzen. Durch den hellen Boden holen wir das Licht tief in den Raum hinein. Ich glaube nicht, dass unser Raum kühl wirkt, aber er ist sicherlich keine Höhle.

SPIEGEL: Die Decke gibt dem Raum Charakter, sie hat aber auch eine andere entscheidende Funktion, muss Geräusche schlucken, damit es in diesem großen Raum, in dem manchmal 300 Leute sitzen werden, nicht viel zu laut wird. Schafft die Decke das?
IPPOLITO: Ja natürlich, sie schafft noch viel mehr. In der Decke ist die Lüftung versteckt, die Sprinkler, die Rauchmelder. Aber natürlich ist diese Decke auch eine Akustikdecke. Perforationen in der Decke schlucken die Geräusche. Dabei war es uns wichtig, eine Decke zu haben, der man diese Funktionen nicht ansieht. Wir haben es so gemacht: Das Metall der kleinen Teller ist in einem Verlauf perforiert und ein bisschen aufgekantet an der Seite, und in dieser Aufkantung liegt ein akustisch wirksames Flies. In Verbindung mit der ebenfalls schallschluckenden Oberdecke wird der Schall sehr effektiv absorbiert.

SPIEGEL: Und welche Funktion haben die schwarzen Linien im Boden? Sollen Sie den Bewegungen im Raum eine Richtung geben?
IPPOLITO: Ein wenig schon, natürlich wollten wir auch das nicht zu aufdringlich machen, aber wir wollten eben auch, dass der große Raum strukturiert wird. Die Linien – wir haben sie aus schwarzem Terrazzo gegossen – zonieren und dynamisieren den Raum, geben Halt und Orientierung, ohne das sich die Leute gegängelt fühlen oder wir den Raumfluss durch Einbauten stören.

Die Menschen sollen als Individuum geschätzt und wahrgenommen werden, und das scheint mir übrigens beim SPIEGEL ganz entscheidend zu sein.

SPIEGEL: Gibt es eine Ästhetik der Pause? Komponenten, die dafür sorgen, dass Menschen sich entspannen?
IPPOLITO: Menschen sind unterschiedlich und sie entspannen sich auf unterschiedliche Weise. Der eine zieht sich zurück, und der andere sucht das Gespräch oder ist gerne exponiert. Unser Anspruch war es, darauf eine adäquate ästhetische Antwort finden, nämlich eine Situation im Raum zu schaffen, in der die Menschen nicht wie Legehenne an langen Bänken hocken und sich als Mitarbeiter Nummer soundso fühlen. Die Menschen sollen als Individuum geschätzt und wahrgenommen werden, und das scheint mir übrigens beim SPIEGEL ganz entscheidend zu sein. Ihre Gesellschafterstruktur zeigt das ja auch. Wir hätten uns ziemlich leicht getan, den Raum linear mit langen Tischen zu möblieren. Es hätte sich gut in die Raumgeometrie gefügt. Aber eine serielle Ästhetik hätte halt nicht zum SPIEGEL und auch nicht zu unserer Auffassung von Pause gepasst.

SPIEGEL: Sie wollten keine Kantine schaffen, sondern ein Restaurant?
IPPOLITO: Wir wollten einen Raum, in dem die Kommunikation das wichtigste ist. Und ich glaube, das ist auch das, was der Raum nun aussagt. Die Mitarbeiter können wählen zwischen Vierer-, Sechser- und Achtertischen, sie können wählen, ob sie sich exponieren möchten oder ob sie sich hinten in die Ecke setzen wollen. Ja, es ist ein Restaurant geworden.

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